Islay's Fair Fly

im Alter von 2 Jahren

geb. 05.10.2007
gest. 13.04.2012

Flys Geschichte aus ihrer Sicht

Hi! Ich bin Fly!

Aber mal so ganz unter uns: ihr könnt mich auch Flügli, Brausepo, Stinkepo, Flügelmaus, Sonnenschein oder ganz förmlich „Fair Fly“ nennen.
Ich bin ein waschechter Deerhound, meine Mutter ist Islay’s Dana und mein Vater ist Claidhembor Cattanach. Beides tolle Persönlichkeiten, die dafür gesorgt haben, dass es nicht nur mich, sondern auch meine beiden Geschwister, Fawna Faye und Fran Fine, gibt. Ich lebe zusammen mit meiner Mama und meiner Schwester Fran in Brockensen, bei Frauchen Ira und Herrchen Joachim. Aber ich fange meine Geschichte – keine normale Geschichte, so viel sei verraten! – lieber vorne an.

An einem Tag im Herbst 2007, genauer gesagt am 05. Oktober, erblickte ich mit meinen Geschwisterchen das Licht der Welt. Okay, okay, das mit dem Licht hat noch etwas gedauert, das war aber auch eher metaphorisch gemeint… Anfangs war alles so, wie es sein musste. Unser Leben bestand aus zwei Konstanten: Trinken und Kuscheln. Herrlich! Mama kümmerte sich hervorragend um uns, schleckte uns ab und wärmte uns. Bei drei Welpen gab es natürlich kaum Streit um die beste Futterquelle. Es war ein Paradies auf Erden.

Mit der Zeit wurden wir immer größer… wir konnten irgendwann sehen und fingen an, durch die Gegend zu kriechen. Frauchen fiel schon früh auf, dass ich mich anders bewegte als Faye und Franny. Mir war es egal. Ich kam ohne Probleme von A nach B. Und wie toll war das, die Umwelt plötzlich auch mit den Augen in sich aufzunehmen? 

Wir wuchsen und wuchsen, wurden vom vielen Milchtrinken dicker und dicker und Frauchen sorgte sich immer mehr um mich. Ich schlief immer in ein und derselben Position und begann nicht, so wie meine Schwestern, richtig zu laufen. Das Schlafen entwickelte sich zum Problem, da sich mein Brustkorb anfing zu verformen – aber es war doch so bequem! Frauchen und alle anderen, die immer zum Kuscheln vorbei kamen, fingen also an, mich immer umzubetten. Fortan durfte ich mich nicht nur an Faye und Fran kuscheln, sondern auch an ein Körnerkissen. Ich lag also wieder auf der Seite und alles wurde wieder gut.

Gehen lernte ich trotzdem nie richtig. Statt eine Pfote vor die andere zu setzen, hoppelte ich lieber. Meinen Schwanz sah ich als Ballast an. Aber das kann ja einen Deerhound nicht erschüttern! Ebenso wenig wie die Tatsache, dass… na ja, ich dem Ruf der Natur nicht so folgen kann wie es sonst alle machen… ihr wisst schon! Mit der zunehmenden Größe fiel zwar meine Behinderung immer mehr auf aber mal ganz ehrlich: ist das so schlimm? Manche Leute gucken mich komisch an aber da stehe ich drüber. Nicht umsonst trage ich den Spitznamen Sonnenschein! 

Außerdem gab Frauchen nie auf, neue Methoden zu probieren, um mir das Gehen doch noch zu ermöglichen. Ich bekam kleine Teile auf den Rücken geklebt, die ein Kribbeln von sich gaben, was sich komisch angefühlt hat. Frauchen ist mit mir auch ganz oft on tour gewesen, dann hat mir eine andere Frau immer kleine Nadeln in den Rücken gesteckt. Und zuhause haben wir immer viel Physiotherapie gemacht.

… und ich wuchs weiter und es blieb dabei, dass ich eher wie ein Hase hüpfte. Es war ein bisschen doof, dass Fran und Faye immer schneller als ich waren, wenn sie dann aber zufällig an mir vorbei stürzten, konnte ich sie doch noch packen! Das war ein Spaß, sage ich euch! Und auch wenn ich langsamer bin: das Hinterherjagen (ob nun rennend oder hüpfend) bringt dennoch Freude.

Irgendwann kam Faye dann in eine neue Familie, dafür hatte ich aber noch Franny und wir beide durften bei Herrchen und Frauchen bleiben. So langsam entwickelten wir uns auch zu großen, bösen Monstern und wir spielten auch immer öfter mit unseren Tanten und Onkeln. Mein Schwanz war aber weiterhin einfach nur Ballast und irgendwann entschloss Frauchen dann, dass es besser wäre, wenn er verschwinden würde. Ein Deerhound mit Bobtail! So ist es auch viel praktischer was diese seltsamen Hosen angeht, die ich umkriege, wenn ich im Haus bin.

Tja und so ist mein Leben eigentlich bis heute verlaufen. Natürlich habe ich meine Gangart perfektioniert. Ich kann die besten Vollbremsung vollführen, die die Windhundwelt je gesehen hat, hänge Frauchen beim Wettrennen locker ab, spiele gerne mit allem erdenklichen Spielzeug, weise den Rest meines Rudels gerne mal in die Schranken (habe ich von Mama gelernt, hehe) und liebe es, in meiner Sandkuhle zu liegen. 

Mein Leben ist einfach toll und ich bin ein total glücklicher Hund. Mittlerweile habe ich mich auch dran gewöhnt, dass ich vor dem Reingehen erst einmal geduscht werde. Tja, somit hab ich nicht nur das beste Los gezogen (Sonderbehandlungen, ihr wisst schon), sondern kann auch stolz behaupten, abends der sauberste Hund im Haus zu sein.

Also, ihr Lieben, ich hoffe euch hat meine Geschichte gefallen. Ich muss jetzt wieder mit meinem Rudel um die Wette rennen, was mir sehr gut gelingt.

Macht’s gut, 

eure Fly!

 

 


Flys Geschichte aus Herrchens und Frauchens Sicht

Fly’s Geschichte


Nachdem Fly (alias Franziska Ullmann, unsere Hundesitterin), die Geschichte auf ihre Weise erzählt hat, nun das Ganze aus Menschensicht.

Als Fly am 05.10.2007 um 22.15 Uhr geboren wurde, fiel uns sofort auf, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie verhielt sich zwar vollkommen normal, robbte sofort zur Mutter und trank, aber ab der Hüfte sah sie irgendwie seltsam aus.

Am nächsten Morgen war es noch deutlicher zu sehen.  Fly war kernig und agil, alles wie es sein soll, aber während Faye und Fran sich mit den Hinterbeinen abstießen, ließ Fly sie relativ kraftlos hängen.

Als Fly drei Tage alt war, fuhren wir mit ihr in die Klinik. Sie wurde geröntgt und die Diagnose lautete: Wahrscheinlich Quetschung der Hinterhand während der Geburt, nichts was sich nicht hin wächst. Somit beschlossen wir, Fly eine Chance zu geben. Für die nächsten drei Wochen!

Dreimal in der Woche bekam sie Akupunktur, jeden Tag wurde das TENS-Gerät angelegt, spezielle Bewegungsübungen wurden gemacht. Da Fly nur auf dem Bauch lag, verformte sich ihr Brustkorb. Wir hatten nicht von Anfang an daran gedacht sie anders zu lagern, so sah sie plötzlich platt wie eine Scholle aus. Ab dem 10. Tag fingen wir also auch an, sie auf der Seite zu lagern. Das war nicht ganz einfach, denn natürlich wollte sie immer wieder in ihre ursprüngliche, für sie bequemere, Position zurück. So kamen dann endlich auch mal unsere vielen Körnerkissen zur Geltung. Der Schlaf junger Welpen ist Gott sei Dank sehr tief und Fly bemerkte nicht, wenn wir sie auf die Seite legten (mal rechts, mal links), Rücken und Bauch mit den Kissen abstützten. Eigentlich sah es sehr gemütlich aus!

Die Nächte waren für uns natürlich weniger gemütlich. Ira lag in dem Hochbett über der Welpenkiste und bekam wochenlang kaum ein Auge zu, da Fly ja mehrmals nachts wieder seitlich gelagert werden musste. Aber wir hatten Erfolg, und mit zunehmenden Alter nahm der Brustkorb wieder seine eigentliche Form an.

Drei Wochen wollten wir es mit Fly versuchen. Als sie drei Wochen alt war, lief sie immer noch nicht. Aber sie stützte sich mit den Hinterbeinen ab, der Bauch kam langsam von der Erde weg. Jeden Tag sahen wir geringfügige Fortschritte aber diese ließen uns hoffen. Somit bekam Fly eine weitere Galgenfrist. Ihre Geschwister wuchsen doppelt so schnell wie sie, aber das schien uns eher ein Vorteil zu sein. Je weniger Gewicht, umso besser. Ansonsten war Fly eine äußerst liebenswürdige kernige kleine Maus, die neue Welt genauso erkundend, wie ihre Schwestern. Es war uns einfach unmöglich, das zu beenden.

Als die Welpen begangen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, erkannten wir noch ein Problem, an das wir vorher nicht gedacht hatten. Fly war komplett inkontinent, was vorher nicht aufgefallen war, da ja die Mutter alle Hinterlassenschaften der Welpen beseitigt hatte. Nun sah man, dass bei Fly alles einfach so herauslief, wie es kam.

Aber bekanntlich soll man ja immer das Positive sehen. Und so machte Ira mit fast 50 Jahren noch Pamperserfahrungen.  Heute kann sie bei jeder Diskussion junger Mütter über die Qualitäten unterschiedlicher Windelsorten mitreden.

Als Fly acht Wochen alt war, fuhren wir in das Tier-Rehazentrum Bad Wildungen. Dort wurde sie eingehend untersucht und das erste Mal auf ein Unterwasser-Laufband gestellt. Unsere kleine Maus sah dabei nicht sehr glücklich aus, aber wenigstens war das Wasser warm. Der Professor dort empfahl uns, weiterhin mit ihr zur Physiotherapie und auf das Laufband zu gehen. Auch er meinte, dass Fly sicher nie wie ein ganz gesunder Hund laufen, aber dass sie durchaus zu relativ normalen Bewegungen fähig sein würde. Wieder zuhause wurde sofort ein Termin in Hannover in der Kleintierklinik Wülfel gemacht.

Die folgenden Monate vergingen also mit TENS, Akupunktur, Homöopathie und Physiotherapie. Fly bewegte sich nicht normal, aber eben wie Fly. Sie lief, tobte, hüpfte auf ihre eigene Art, war (und ist) ein fröhlicher junger Hund. Und sie ist mit Sicherheit unser sauberster Hund, da sie zweimal täglich geduscht wird. Mit ca. einem halben Jahr ließen wir noch einmal eine Röntgenaufnahme machen.

Es zeigte sich, dass das Kreuzbein wie zerschmettert aussah. Was wir eigentlich schon geahnt hatten, bestätigte sich nun. Eine normale Fortbewegung würde für Fly niemals möglich sein. Was tun? Laut dem Arzt befände sich in der Schweiz ein Professor, der solche Erkrankungen operieren könne. Diesen Vorschlag verwarfen wir aber gleich, denn zum einen bestand die Gefahr, dass Fly sich dann überhaupt nicht mehr bewegen könnte, zum anderen würde diese OP mit einem enormen Zeit- und Kostenaufwand einher gehen. Beides kam für uns nicht infrage.

Wir beschlossen, sämtliche Behandlungen einzustellen, letztendlich würden sie, da das Problem ja in dem zerschmetterten Kreuzbein lag, keine weiteren Erfolge bringen können. Außerdem kam unsere kleine Flügelmaus wunderbar klar. Ihre Art der Fortbewegung war für sie vollkommen normal, sie kannte es nicht anders, hatte keine Schmerzen.

Heute lebt Fly bei uns ein ganz normales Hundeleben. Auf Spaziergänge die nicht länger als eine Stunde dauern, darf sie mit. Mehr möchten wir ihr nicht zumuten, obwohl sie fast der temperamentvollste unserer Hunde ist. Es ist eine Freude, wenn man sie über die Wiesen und Äcker toben sieht, und es erstaunt immer wieder, zu welchen Kapriolen sie fähig ist.  Muss sie zuhause bleiben, bekommt sie auch dabei eine Sonderbehandlung, nämlich ein Extra-Leckerchen. Von dem Rest des Rudels wird sie wie ein normaler Hund behandelt. Und es geht hier sehr oft die „wilde Wutz“ ab. Sogar unseren Dobermann hat Fly voll im Griff.

Fly hat unsere Einstellung behinderten Hunden gegenüber deutlich beeinflusst. Während wir früher oft meinten, eine Euthanasie sei der bessere Weg, so hat Fly uns gezeigt, dass nicht jedes Leben perfekt sein muss, um ein gutes Leben zu sein. Wichtig ist, was man daraus macht. Auch wir sind mit Fly’s Behinderung gewachsen.

Besucher sind im ersten Moment oft geschockt, doch wenn sie sich auf Fly's Charme und ihre Lebenslust einlassen,  erkennen sie, dass auch solch ein Leben einen Sinn hat. Nicht umsonst ist Fly unser kleiner Sonnenschein und wir hoffen, dass sie unsere Tage noch lange Zeit erhellen wird.

***

Am 13.04.2012 ist Fly plötzlich und von allen unerwartet über die Regenbogenbrücke zu ihren alten Freunden gegangen. Durch ihre Behinderung hatte sie im Laufe ihres Lebens immer mal wieder Probleme mit dem Kotabsatz. So ca. 1-2 x im Jahr mussten wir sie beim Tierarzt spülen lassen. Das war bisher jedes Mal ohne Schwierigkeiten verlaufen. Seit August letzten Jahres litt sie auch an einer chronischen Blasenentzündung, die wir mit allen Mitteln die uns zur Verfügung standen bekämpften, aber nicht in den Griff bekamen. Ursache war in ihrer Inkontinenz zu sehen, denn trotz allen Duschens und Bemühens um Sauberkeit zogen natürlich immer wieder Keime hoch. Aber Fly war immer guter Dinge, zeigte äußerlich keinerlei Symptome. Doch dieses Mal verschlechterte sich ihr Zustand zusehends. Sie war sehr ruhig, die Pulsfrequenz lag bei 250. Einige Blutwerte waren zwar erhöht, allerdings nicht lebensbedrohlich. Sie bekam Medikamente, kam an den Tropf und die Frequenz sank in relativ kurzer Zeit wieder auf 180. Doch der Tierarzt wollte sie den Tag über noch weiter am Tropf und unter Beobachtung behalten. So fuhr ich nach Hause, in dem Glauben, sie abends wieder abholen zu können. Natürlich war uns klar, dass sich Flys Problematik mit zunehmenden Alter verschlimmern könnte, doch "so schnell stirbt es sich nicht", wie ich immer sagte.
 
Dieses Mal lag ich falsch mit meinem Optimismus. Nur zwei Stunden, nachdem ich sie verlassen hatte, kam der Anruf mit der Nachricht, dass Fly gestorben sei; einfach eingeschlafen, ohne auf die Bemühungen des Tierarztes Reaktionen zu zeigen. Ich mache mir große Vorwürfe, dass ich nicht bei ihr geblieben bin. Aber tatsächlich hatte niemand damit gerechnet, dass es soweit kommen würde.
 
Eine große Kämpferseele, mein energiegeladener, lebensfroher Sonnenschein, hat uns verlassen. Sie hat uns in ihrem kurzen Leben viel gelehrt. Danke dafür, Fly. Ich bin sicher, wir werden uns wieder sehen.

 

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© Joachim Johannsen