Unser Leben mit Dawn auf dem Berg

Eine Art pelziger Badezimmerhocker trabt rhythmisch vor mir durch die Dämmerung. Kopf und Hals für mich nicht erkennbar auf steter Suche nach etwas Schnupperbarem in Richtung Boden gesenkt, sehe ich von unserer Dawn oft nur Hüften, Rute, Beine, es sei denn, sie gräbt ihre Nase in einen Laubhaufen oder Schneehügel und verweilt noch etwas, während ich an ihr vorbei marschiere. Sobald ein gewisser Abstand erreicht ist, warte ich auf sie und sehe alsbald einen zufriedenen Deerhound heran traben, der mich im Nu wieder eingeholt hat. Lohnt sich die Distanz, legt sie auch gern einen Galopp ein, saust an mir vorbei und das Spiel beginnt von vorn.

 

Unsere ländliche Gegend mit etlichen Kilometern Wald- und Wiesenwegen und Straßen gerade mal in „Treckerbreite“, erlaubt es, Dawn oft ohne Leine laufen zu lassen. Das Thema Rehe oder Hasen ist für sie längst abgehakt. Als Hundehalter war ich stets stolz darauf, dass sie auf mein Kommando „an die Seite“ bislang meistens beinahe sofort reagierte und wir ein Auto gelassen an uns vorbeifahren lassen konnten. Bislang – doch seit einiger Zeit hat sich das insofern geändert, dass sie, sobald sie merkt, dass ein Fahrzeug naht, sich zur Straße hin dreht und neuerdings sogar quer zur Fahrtrichtung darauf wartet, dass der Fahrer anhält. Hofft sie auf eine Streicheleinheit? Es nutzt kein hektisches Rufen meinerseits, keine spontanen Sprinteinlagen; ich kann mich nur freuen, dass bislang noch jeder Fahrer es geschafft hat, unseren „Bremsklotz in Tarnfarbe“ rechtzeitig zu erkennen. Sie scheint zu  erwarten, dass man notfalls durch den Straßengraben fährt, um an ihr vorbeizukommen. Andere Deerhoundhalter kennen diesen verflixten Moment, wenn im TV der „Tatort“ gerade so richtig spannend ist oder ein „Elf-Meter“ ansteht und plötzlich der Bildschirm von einer grauen Masse verdeckt wird, die man sanft, aber bestimmt zur Seite schieben muss – diskutieren zwecklos, Spannung dahin.

 

Mir zeigt Dawns Verhalten, dass ich als Hundehalter mal wieder umdenken muss, denn unsere Dame wird langsam alt. Ich mag nicht denken, dass sie taub ist, denn den Begriff „nimm dies“, wenn es etwas zu fressen gibt, hört sie oft noch. Senil kann sie eigentlich auch nicht sein, denn sie ist zwar im Haus sehr ruhig, doch draußen, in ihrem Element, voller Lebensfreude und erinnert sich genau, wo bei sämtlichen Nachbarn die Katzenfutternäpfe stehen. Seit ich ein Stückchen Gouda in meiner Tasche habe, werde ich bei Spaziergängen neuerdings wieder aufmerksamer beobachtet, denn ihre Augen sind nach wie vor nicht nur kugelrund und ausdrucksstark, sondern können auch noch kleinste Krümelchen unter dem Esstisch wahrnehmen. Es hat mich immer fasziniert, dass so ein großer Hund bis vor etwa einem Jahr in einer Art „Limbo-Stil“ die langen Beine und den Rücken auf geradezu geniale Art verrenken konnte, um irgendwie an ein Extrahäppchen zu kommen, und sei es auch noch so winzig. Wir haben jetzt November 2012, und im April dieses Jahres ist sie 10 Jahre alt geworden.

 

Erste Deerhounderlebnisse

 

Im Sommer 2002 sind wir nach Deutschland gezogen und haben bereits von England aus Kontakt mit Johannsens aufgenommen, nachdem wir bei einer Züchterin aus Essex als potentielle Deerhoundhalter abgeblitzt waren. Zwar konnte ich damals mit theoretischem Wissen punkten, denn ich hatte Hundeerziehungsbücher, Pitcairns alternative Fütterungsmethoden, ein Almanach über Hundekrankheiten und natürlich Ms. Hartley´s Deerhoundfibel gelesen, jedoch waren Haus und Garten zu klein, das Auto ungeeignet, die Wohngegend zu stadtnah und unsere bisherige Haustiererfahrung mit Goldhamster Sandy aus Sicht der englischen Züchterin natürlich gänzlich unzureichend.

 

Pflichtschuldig kauften wir in Deutschland ein größeres Haus mit über 2.000qm Garten in Waldrandnähe, einen Kombi, haben mittlerweile auch eine Wiese und konnten Ira und Joachim bald überzeugen, dass wir einem Deerhound vielleicht gerecht werden könnten, sicher ist man sich als Züchter da natürlich nie. Der Name Dawn, den wir gemeinsam auswählten, sollte eigentlich an Dawn French, eine in Großbritannien bekannte Komikerin erinnern, außerdem ist dies der englische Begriff für Morgengrauen. Wir stellten uns vor, wie schön es wäre, einen fröhlichen Deerhound mit einem morgengrauen Fell zu haben, der uns zum Lachen bringt. Nun haben wir eine Dawn, bei der uns am Morgen Grauen überkommt, wenn sie mitunter um 05.00 in der Frühe vor Ungeduld piepend im Flur herum trippelt, um zu ihrem Toilettenbusch begleitet zu werden.

Aber egal, es kommt ja nicht so oft vor, auch wir werden älter und unsere Organe mit uns, wobei manche Teile unserer Körper halt schneller zu altern scheinen als andere…

 

Dawn fühlte sich jedenfalls bei uns rasch wohl, nicht zu letzt auch dank der herzlichen Aufnahme von Gina und Winnie, die Hofhunde unserer benachbarten Freunde. Es wurde herumgebalgt, gesaust, gesprungen, was das Zeug hielt, und wir bekamen eine Ahnung davon, was einen glücklichen Deerhound ausmacht. Einmal wurde sie von unseren Nachbarn jedoch beinahe gelyncht, als sie Pauline, das betagte Familienhuhn, quer über den Rasen jagte, weshalb sich das bemerkenswerte Federvieh zu einem Spontanflug über den Teich entschloss. Mitten über dem Wasser versagten die Flügel, weshalb Pauline, und es gibt Zeugen, die dies bestätigen können (!),  in den Teich plumpste und unverzagt ans rettende Ufer hinüber kraulte, noch bevor der Nachbar mit rettendem Netz herangesaust kam und Dawn das Nachsehen und den Ärger hatte. Seitdem ließ sie es zu, dass das Huhn bis zu seinem natürlichen Tod einige Jahre später unbehelligt auch bei uns im Garten nach Würmern picken durfte.

 

Coursing im Garten

 

Als Dawn das erste Mal ihre „wilden 5 Minuten“ hatte, dachten wir nur „Huch, was hat sie denn jetzt?“ Plötzlich sauste dieser Hund, der nur aus Beinen bestand, wie von der Tarantel gestochen in einem Zick-Zack-Kurs in großen Kreisen über die Wiese, dass wir dachten, sie wäre übergeschnappt. Danach kam sie zurück als sei nichts geschehen, obwohl sie gemäß Iras Gebrauchsanweisung im ersten Jahr auf keinen Fall überfordert werden durfte. Selbst ins Auto haben wir sie zwölf Monate lang stets gehoben.

 

Im Frühling während des Leinenzwangs wurde unser Garten für ihre „wilden 5 Minuten“ genutzt. Wir brauchten lediglich einige Male einen alten Lederhandschuh oder eine Mütze in die Luft werfen, die sie zunächst selbst herumwarf, bevor sie den Gegenstand schließlich „tot schüttelte“ und durch ihr Spiel so überschwänglich wurde, dass es sie plötzlich überkam loszurennen. Es war stets überwältigend, diesen galoppierenden Hund mit Riesensätzen wie auf einer Cousingbahn mehrere Runden um den Teich, das Gemüsebeet, an den Blumenreihen, den Waldpfad entlang und unter den Bäumen vorbei flitzen zu sehen, bevor sie mit einem letzten großen Sprung quer über das Kräuterbeet hechtete, ohne einen Schaden anzurichten. In diesen Momenten kam uns unser Garten sehr klein vor. Den Schwimmteich nutzte sie danach, um sich bis zum Bauch im Wasser stehend abzukühlen.

 

Diesen Herbst lag sie am liebsten auf dem Rasen in der warmen Sonne, schaute uns bei unseren Aktivitäten zu und ruhte sich aus. Habe ich erwähnt, dass unser Deerhound nicht ein einziges Blumenbeet umgegraben hat? Ich denke, das sagt sehr viel über den gesunden Selbsterhaltungstrieb dieser einmaligen Hunderasse aus.

 

Warum es ein Deerhound sein musste?

 

Weil ich es so wollte. Mein Mann Tony legte lediglich Wert darauf, dass wir irgendeinen etwas größeren Hund bekommen, den er nicht nach einer halben Laufrunde auf den Armen nach Hause zurück tragen muss. Unsere Kinder Jasmin und Kevin, damals 11 bzw. 9 Jahre alt, wollten einen Hund zum Streicheln, Liebhaben, nicht mit kurzem Fell - und ich? Ich wollte eigentlich gar keinen Hund, es sei denn, er bellt, beißt und sabbert nicht, ist nicht aufgeregt, erwartet nicht von mir, dass ich stundenlang Stöckchen werfe und Apportierspiele erfinde, wenn unsere Kinder anderweitige Interessen haben. Ich wollte eine gesunde, unkomplizierte Rasse, einen Hund, mit dem man nicht ständig, weshalb auch immer, beim Tierarzt sitzt, der sich auch auf einem zugigen Berg bei Gummistiefelwetter wohl fühlt und ich habe Angst vor dominanten Hunden.

 

Ja, und da kam eigentlich nur der Deerhound für uns in Frage, denn ich ahnte damals nichts von den Komplikationen, die einem ein traumatisierter Junghund bereiten kann, wenn man sich als Hundehalter so dermaßen dämlich mit dem Krallenschneiden anstellt wie wir. Mittlerweile wissen wir längst, wie es geht, schneiden nicht mehr zu tief und Dawn hat ihre Panik überwunden. Doch zurück zum Thema: ich hatte vor Jahren zunächst lediglich in einem Hundebuch von dieser alten Rasse gelesen, doch als ich dann während eines Spaziergangs in England zum ersten Mal von weitem zwei echte Deerhounds würdevoll, gelassen und in federndem Trab regelrecht über den Waldboden schweben sah, war alles klar - und das ist auch heute noch so.

 

Was sie so frisst …

 

Deer ist ja nun das englische Wort für Hirsch, doch wissen wir seit Weihnachten 2002, dass der Deerhound zur Not auch für Rehkeule empfänglich ist, wenn die Hausfrau zwischendurch just ans Telefon gerufen wird - und natürlich Fisch, der unter einem Fliegengitter in der Sonne auftaut, um abends gegrillt zu werden, und zwar großer Fisch, noch halb gefroren, mit Kopf, Gräten und allem drum und dran. Verdauungsprobleme? Gräten im Hals? Keine Spur, Dawn doch nicht. Lediglich bei ihrem gelegentlichen Aufstoßen konnte man später die Makrele oder was es auch war, noch riechen.

 

Überhaupt ist es erstaunlich, wie aufmerksam wir von Dawn offensichtlich beobachtet werden, während sie gemächlich wie eine wandelnde Schlaftablette durchs Haus schlendert, mal schaut, was wir gerade so machen und man besonders im Sommer das Gefühl bekommt, sie döst im Stehen ein. Mitfühlend wird der Spaziergang dann auf die kühlen Abendstunden verschoben, sie schleicht hinter einem her, irgendwann schaut man sich um, weil sie so ruhig ist und sieht gerade noch, wie sie sich beinahe auf Zehenspitzen bereits gut 50m entfernt in Richtung Bauer und Katzenfutter davon stiehlt. Bislang war es so, dass ein empört gedonnertes „DAWN“ sie bei ihrem Vorhaben innehalten ließ, man konnte regelrecht sehen, wie sie sich sekundenlang sträubte, bevor sie wie ein Unschuldslamm zurück geschlendert kam. Und heutzutage? In solchen Momenten ist sie garantiert taub - da verdünnisiert sie sich nicht mehr heimlich, sondern trabt enthusiastisch mit vorgestrecktem Kopf davon, wenn ich nicht rechtzeitig mit meinem Käsehäppchen winke.

 

Man könnte nun fast meinen, wir hätten bestimmt einen übergewichtigen Hund, doch weit gefehlt. Dawn hält, ganz im Gegensatz zu mir, mit ihren 38kg +/- einem Pfund oder so ihr Gewicht seit Jahren, denn sie liebt übrig gebliebenen gemischten Salat, gerne mit Vinaigrette, den ich ihr der Verdaulichkeit halber mit dem Pürierstab zerkleinere, bevor er übers Trockenfutter kommt oder geriebene Karotte mit kaltgepresstem Oliven- oder Rapsöl, oder Apfel zum Vollkornbrot mit Quark oder Haferbrei, Nüsse, Trockenobst, Suppen, auch Linsensuppe. Kartoffelbrei mit Spiegelei, Hühnerklein und immer mal wieder frisches Fleisch mit Knochen. Drei bis viermal die Woche bekommt sie eine Knoblauchzehe ins Futter, auch, um Parasiten von ihr fern zu halten, statt Knochenmehl geben wir ihr im Mörser zerriebene Eierschale, Vitamin C in Form von dänischem Hagebuttenpulver und sorgen (hoffentlich) so für eine recht ausgewogene Ernährung. Während meiner Essensvorbereitungen sehe ich oft aus den Augenwinkeln eine interessierte Nase, die sich gar nicht aufdringlich immer näher an mich heranwagt, bis sie vorsichtig unter meinem rechten Arm hervorschaut, wohl wissend, dass sie der Arbeitsplatte nicht zu nah kommen darf.

 

Sehr hilfreich empfand ich die Fütterungsempfehlungen und Warnhinweise in der Scottish Deerhound Fibel von Barbara Heidenreich in deutscher Sprache als PDF, die mittlerweile selbst bei Wikipedia heruntergeladen werden kann.

 

Ihre Beweglichkeit verändert sich

 

Trotz aller Bemühungen, sie mit gutem Futter zu versorgen, fällt es ihr mittlerweile etwas schwer, von ihrem Sofa zu gleiten, denn die Kraft in ihren Hinterbeinen nimmt langsam ab. Zurzeit lese ich „Hunde-Physiotherapie, fit und gesund durch Krankengymnastik“ von B. Wanat und D. Kühnau, um stärkende Übungen zu finden und anzuwenden. Mir war gar nicht aufgefallen, dass wir schon länger die Sitz-Position nicht mehr geübt hatten. Ich meine, welcher Deerhound sitzt schon gerne freiwillig auf seinem knochigen Allerwertesten - und so war ich erschrocken, dass sie das gar nicht mehr hinbekam. Jetzt übt sie unter anderem täglich, sich dem Boden zumindest einige Male zu nähern, und ich hoffe, dass wir so ihre Hinterläufe wieder etwas kräftigen können. Ira erzählte neulich, dass einer von Dawns Brüdern im Sommer eingeschläfert wurde, weil er aus Kraftmangel nicht mehr vom Boden hoch kam - wie traurig, denn ansonsten war er noch gesund.

 

Vor einigen Jahren starben ihre Spielkameraden, die Hofhunde von nebenan, und später auch Amie, eine Dogge in Dawns Alter. Seit unsere Tochter studiert, unser Sohn ein FSJ in Südamerika macht und Tony arbeitsbedingt nur alle zwei Wochen nach Hause kommt, ist es ruhig geworden bei uns auf dem Berg. Nach wie vor gehen wir täglich spazieren, spielt Tony verstecken, fangen und Käsetricks mit ihr, doch seit sie sich im letzten Winter beim Laufen verletzt hat, ist sie langsamer geworden. Wenn wir Ira und Joachim besuchen, läuft sie immer noch gern mit den Hunden, doch nicht mehr mit den jungen Flitzern.

 

Novembergedanken

 

Sie sieht nach wie vor klasse aus, unsere Maus, ist der liebste, loyalste, geduldigste, anhänglichste Deerhound, den man sich nur wünschen kann, doch sind wir ihr gerecht geworden? Ihre Schwester Dana hat so viel mehr erlebt als Dawn, denn wir haben sie nie öffentlich gezeigt, auch am Coursing hat sie nie teilgenommen, weshalb sie keine Preise vorweisen kann, sie hat nie Welpen gestillt, sie ist Einzelhund und gerade in letzter Zeit sehr oft allein, auch wenn ich in ihrer Nähe bin. Sie war und ist immer noch einfach nur für uns da, und es tut mir leid, wenn sie oft etwas müde wirkt, besonders, seit unser Sohn im Sommer auszog. Sie mag zwar gerade vor dem Feuer dösen, doch wenn ich mit der Leine komme, kennt sie kein Zögern und rappelt sich sofort auf. Dann kommt sie bereitwillig mit, während früher „die Jugend“ oft alle möglichen Erklärungen hatte, weshalb es nun gerade nicht passte. Auch ist sie nicht daran interessiert, am Samstagnachmittag die Fußballergebnisse zu verfolgen, was ich ihr schon immer sehr hoch angerechnet habe.

 

In den vergangenen 10 Jahren hat sich ihr ganzes Dasein nur um uns, ihre Familie, gedreht. Wir wissen jetzt, dass sich ausgewachsene Deerhounds zur Not selbst in einen kleinen Sportwagen falten können, wenn sie auch den Kombi lieber mögen. Unvergessen bleibt der Familienurlaub mit Zelt und Dawn an der Müritz, als sie entdeckte, wie einfach man mit einer langen Hundenase einen Reißverschluss von innen aufbekommt, weil man nicht schlafen kann und nur mal gucken möchte, wo die anderen Hunde denn alle sind… unvergessen auch der Ausflug im Paddelboot mit einem schweren Hundekopf auf der Schulter, der mich schließlich zur Seite drückte, um Gallionsfigur zu spielen oder die Tretbootfahrt auf dem Aasee in Münster, als sie einen tollkühnen Kopfsprung ins Wasser wagte, wie ein Stein unterging, wie ein Korken wieder hochkam und hurtig an Land paddelte.

 

Aufgrund all dieser schönen Erinnerungen macht es mir nun Freude, herauszufinden, auf welche Weise ich ihre schmerzenden Gelenke am wirksamsten durchkneten kann, wie ich sie auf kulinarische Weise ein wenig aufpeppen kann, sodass sie uns noch ein wenig länger erhalten bleibt.

 

Letzte Woche Freitag bin ich in der Scheune mit dem Fuß in einem Strick hängen geblieben und ohne Vorwarnung auf den Boden gestürzt. Während ich vor Schreck und Schmerz noch ganz benommen vor mich hinkniete, wich mir Dawn nicht von der Seite und nutzte die Gelegenheit, mir fürsorglich tröstend, rasch über die Nase zu lecken, was zwar recht eklig, doch sicherlich gut gemeint war. Seitdem bewegen wir uns beide etwas ungelenk durch die Landschaft, weil unsere Knie schmerzen.

 

Wenn ich ehrlich bin, habe ich an dem Tag begriffen, dass ich seit 2002, genau wie unsere kleine Graunase, selbst nicht einen einzigen Tag jünger geworden bin. In Psalm 90, Vers 12 der Lutherbibel heißt es: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Aus Dawns Lebenslauf habe ich gelernt, wie unglaublich schnell eine Dekade vergeht und wie kostbar die Erinnerung an einzelne Momente ist. Ich habe gelernt, dass nichts im Leben so bleibt wie es ist, freue mich an ihrer Gesellschaft und schaue nach vorn auf die gemeinsame Zeit, die uns noch bleibt.

 

Sabine Samra

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© Joachim Johannsen